Lichtstrahl - Kreuzweg

Abendmahlgottesdienst im Schalom-Haus. Predigt über "Osterleute lieben" (Claudia). Die erste Gruppe am Abendmahlstisch war entlassen, die zweite Gruppe steht gerade vorne. Da nimmt das Drama seinen Lauf.

"Susanne?" hören wir den Ehemann hinter uns rufen. Susanne eine aktive, lebenslustige Frau, gerade 54 Jahre alt, mit viel Herz und Liebe für die unterschiedlichsten Menschen, ist uns gut vertraut. Claudia und Andreas hatten das Ehepaar schon zu Hause besucht und auch weitere Begegnungen geplant. Ein nächster Termin sollte nach dem Gottesdienst vereinbart werden. Fröhliche Begegnung an diesem Morgen. Blickkontakt zu Claudia während der Predigt. "Susanne?" ... Als Andreas sich umdreht, blickt er in erstarrte Augen. Ein überwältigend vertrauter Anblick für Andreas - noch keine drei Jahre zurück liegend....

"Ein Arzt, ist hier ein Arzt?" ... Nein, es gab keinen Arzt, aber einen sehr fähigen, umsichtigen Ersthelfer. Susanne wurde auf den Boden gelegt, Reanimationsmaßnahmen begannen. Der Rettungsdienst wurde gerufen. Ein Notarzt kam nicht mit - musste per Hubschrauber eingeflogen werden. Die Gemeinde drum herum - in Schockstarre und Hilflosigkeit. Claudia übernimmt geistesgegenwärtig die Leitung. "Seht auf's Kreuz" ruft sie der Gemeinde zu - geistlich und praktisch, um der Bewusstlosen Privatsphäre zu geben, lässt "Gott ist gegenwärtig"  singen ("...Gott ist in der Mitte!"),  betet ein Vaterunser mit der Gemeinde, segnet Susanne, ihren Mann, die Gemeinde und führt die Gemeinde durch einen Nebenausgang in der Sakristei in den Innenhof des Schalom-Hauses, während der Notdienst weiter um das Überleben kämpft. 

Susanne kam noch ins Krankenhaus, wo sie künstlich am Leben gehalten wurde, ohne das Bewusstsein wieder zu erlangen. Bereits am Nachmittag war klar, dass sich nichts mehr bessern würde. Claudia fuhr - begleitet von Andreas - noch einmal ins Krankenhaus für Susanne, führte eine Krankensalbung durch und entließ Susanne mit Segen in Gottes Frieden. Nachdem ihre Kinder, Geschwister, Mutter und ihr Mann Gelegenheit hatten, sich von ihr zu verabschieden, verstarb Susanne am Montag. Am Dienstag dann Trauerarbeit in der Gebetsstunde der Gemeinde. Fassungslosigkeit, Verzweiflung ... aber auch eine eigentümliche Gewissheit: Gott ist gut.

Susanne und Claudia wollten eigentlich auch mal miteinander tanzen. Warum auf die Ewigkeit warten? Am Donnerstag tanzte Claudia vor dem Kreuz für ihren Herrn - ganz allein ... und doch irgendwie mit Susanne. Bei dieser Gelegenheit entstand auch das Foto, das (völlig unbearbeitet) wie ein Lichtstrahl aus der Ewigkeit den Weg zum Kreuz und in die Ewigkeit hinein von den Glasfenstern auf den Boden malte.

Am Samstag Beerdigung auf dem Friedhof in Schönebeck. Rund 200 Trauernde in und vor einer Trauerhalle mit 90 Plätzen bei strömendem Regen. Zeugnis von Ehemann und Kindern, Ansprache von Claudia. Im Sinne der Verstorbenenen diese Aufnahme von "Blessed be your name" in voller Lautstärke. Anschließend "Party" im Schalom-Eck (so wollte es Susanne). Im Gottesdienstraum war zugleich ein Ort der Stille - Kerzen, Schreibwand mit Postern, Klagen, Dank, Fragen, Erinnerungen zu hinterlassen - immer wieder genutzt.

Am Sonntag - nur eine Woche nach dem dramatischen Gottesdienst ist die Gemeinde heute wieder zusammen gewesen. Verändert - äußerlich (bewusst andere Sitzordnung, Kreuz in der Mitte) als auch innerlich (zwischen Verzweiflung und Dankbarkeit). Thema war: "Osterleute hoffen ... Stephanus". Der offene Himmel. Andreas hatte Claudia die Predigt abgenommen und nahm den Kanon "Der Himmel geht über allen auf" (den Claudia die Woche zuvor im Gebet vor dem Gottesdienst integriert hatte) als Einstieg und roten Faden für eine Predigt der Hoffnung.  Die Predigt des Stephanus (Apostelgeschichte 7), so Andreas, sei eine Aneinanderreihung von Begebenheiten aus der Geschichte Israels, die so hoffnungsvoll begannen - aber kein Happy End hatten - jedenfalls zunächst nicht. Auch die Geschichte des Stephanus selbst nicht. Und doch sind es Hoffnungsgeschichten, wird aus dem Ende immer wieder ein neuer Anfang. Es ging weiter - es geht weiter, wenn sich Menschen mit Hoffnung auf den Weg machen,  geht der Himmel über allen auf, auf alle über, über allen auf.

Claudia und Andreas sind erschöpft - aber ganz im Frieden nach dieser aufregenden Woche (für Andreas in vielfacher Hinsicht eine Art Dejà vu) und voller Dankbarkeit und Lobpreis - auch wenn wir nicht verstehen, auch wenn wir Fragen haben... Gott ist gut.  Wir gehen voran - mit Hoffnung.