Mein Refugium in Wüstenjerichow

So lautete meine erste Reaktion auf die erste Mail von Claudia. Das ist jetzt drei Jahre her.

Damals, im Trauerjahr, wurde deutlich, dass ich alleine nicht wirklich leben können würde. Mit Abschluss des Trauerjahrs war klar, ich würde mich auf den Weg machen. Um mich nicht auf eine Person allzuschnell festzulegen, und um für mich zu lernen, wie das geht, jemanden "kennen zu lernen" war ich den höchst ambivalenten Schritt gegangen und hatte mich auf einer christlichen Datingplattform nicht nur angemeldet, sondern auch "angepriesen" - d.h. deren Fragebogen gewissenhaft und wahrheitsgemäß ausgefüllt. Ja, es gab auch ein paar kürzere Gedankenaustausche auf dieser Plattform - alle mit dem Tenor: du brauchst viel Geduld, wenn du jemanden finden möchtest...

Und dann kam diese E-Mail... Nicht über die Dating-Plattform, sondern von außerhalb, aber mit Bezugnahme auf mein dortiges Profil. Wie konnte das sein? Ich hatte extra meinen zweiten, öffentlich unbekannten Vornamen auf der Plattform benutzt, um mich und meine Familie zu schützen. Mein Nachname oder Wohnort kam ebenso wenig vor, wie mein Beruf. Dieser Claudia Sokolis aus Hamburg war es aber gelungen, über die wenigen Hinweise und mit der richtigen Suchstrategie meinen Klarnamen und damit meine ganze Lebensgeschichte im Internet zu eruieren. Das war schon heftig.

Sie sei baptistische Pastorin, hatte sie mir offenbart - und manches mehr, was eher ... sagen wir mal ... nicht so wirklich in meinem Denkhorizont war. Und - zugleich hatte der Inhalt dieser E-Mail eine Ausstrahlung, eine Kraft, eine Bestimmtheit ... dass es zu jener wenig charmanten Formulierung, als erstem Satz meiner Antwortmail kam ... übrigens noch in der gleichen Nacht ...  aus meinem Refugium in Wüstenjerichow.

Das ist jetzt drei Jahre her. Und ... wir sind inzwischen in unserem dritten Ehejahr. Rasend schnell haben sich Wege geebnet, sind Hindernisse beseitigt worden, haben sich Bedenken als unbegründet zerschlagen. Und ich bin dankbar, unverschämt dankbar für das, was geworden ist. Und ... so viel sei noch verraten ... wenn wir diesen allerersten Mailwechsel zwischen uns heute lesen (dem dann viele, lange Mails, Briefe, Telefonate folgten) ... müssen wir uns eingestehen - eigentlich war da schon "alles klar", unausweichlich, gesegnet ... und gar nicht kompliziert.