„Was dich im Innern bewegt, kann die Gemeinschaft beleben“, so begann vor vielen Jahren mein Zeugnisspruch, den ich jeden Freitag vor der Klasse aufsagen durfte.

Waldorfschülerinnen und -schüler wissen, wovon ich spreche. Für andere sei es kurz erklärt: bis zur 8. Klasse bekamen wir an unserer Waldorfschule, wie vielerorts üblich, einen „Zeugnisspruch“, den unser Klassenlehrer uns mit auf den Weg durch das neue Schuljahr gab. Diesen Spruch sagten wir jede Woche vor der Klasse auf. Regelmäßig am Wochentag unserer Geburt. In meinem Fall eben am Freitag. Nicht alle Sprüche haben sich so eingebrannt wie dieser, der mich bis heute begleitet:

„Was dich im Innern bewegt, kann die Gemeinschaft beleben.

Wage dich freudig ins Wort, Wachheit durchströme dein Streben.“

Zum Text kann man ja sagen und schreiben, was man will. Mich begleitet der Vers. Auch als Ansporn. Selbst wenn ich als Pastorin heute oft vor Leuten rede, meist Woche für Woche predige, bewegen mich viel mehr Gedanken, als ich verlauten lasse. Bis heute muss ich nicht an allen Stellen meinen Kommentar abgeben, beteilige mich nicht an jeder Diskussion im Internet oder im realen Leben und höre lieber zu. Gut so. Oft werden ja auch viel zu viele Worte gesagt. Und zugegeben, auch meine Predigten könnten manchmal kürzer und pointierter sein. Wobei ich mit ca. 20 Minuten gut im Mittelmaß liege. Aber was sagt schon Zeit über den Inhalt?

Als Kind gehörte ich sicher zu den Träumerinnen. Vielleicht auch deshalb der Hinweis auf die Wachheit? Träumen kann ich auch heute noch. Nicht nur nachts. Die letzten Jahre beschäftige ich mich mit Introversion und bin dankbar, über diesen Aspekt mehr zu lesen und zu verstehen. Ich habe eine reiche Innenwelt. Oftmals triggern Impulse von außen bei mir nicht nur Bilder, sondern Fragen, Gedichte, Wortspielereien. Mein Umfeld kann sicher ein Lied davon singen. Zumindest von der nächsten Frage, die ich da mal hätte… Oder dem nächsten Gedanken, der nächsten Idee.

Erst letztens, im Urlaub, entstand während der Predigt einer Kollegin ein Bild in mir, das ich Wochen danach malte. Nicht, dass ich nicht zugehört hätte. Im Gegenteil, ich war so inspiriert, dass meine Kreativität beflügelt wurde. Meine Tagebücher füllen sich mit Beobachtungen und Gedanken. Fragen habe ich mehr als genug. Einfach, weil ich es wissen will. Verstehen.

Klingt vielleicht komisch, wenn ich das als Pastorin schreibe, doch seit ich öfter veröffentliche, stelle ich fest, dass ich was zu sagen habe. Meine Texte werden gelesen, gehört, meine Bilder gedruckt. Menschen werden inspiriert und manchmal irritiert, was zum Nachdenken anregt. Mein Gegenüber gibt Resonanz. Einige bekommen neue Sichtweisen. Ich sehe eine andere Perspektive, manchmal von außen, manchmal von tief innen, aus dem Hören heraus.

„Wage dich freudig ins Wort“. Ich will gar nicht laut meine Meinung sagen, aber regelmäßiger meine Eindrücke weitergeben, meine Sicht der Dinge teilen. Daher kann, wer will, nun auch von mir hier regelmäßig lesen. Ob am Freitag, dem Tag meiner Geburt, werde ich sehen. Ist ein Gedanke, mir an dem Tag die Freiheit zu nehmen, frei zu nehmen, frei zu schreiben. Und ich wäre ja in guter Gesellschaft freitags frei zu nehmen, aufzustehen, rauszugehen, mich zu zeigen, mit meiner Sicht.

„Hellwach und sensibel, für die Fragen der Zeit“, erklang es vor einem Jahr, am 18.08.18, bei unserer kirchlichen Trauung in Hamburg-Altona. Und mit der Wachheit scheine ich es zu haben… und wohl auch mit den Worten und dem, was mich im Innern bewegt. Und statt Fragen, will ich künftig hier mehr sagen und schreiben, was ich wahrnehme und sehe. Und irgendwie freu ich mich schon drauf noch mehr zu schreiben, regelmäßig, perspektivisch… Und wer liest, der liest. Hört. Resoniert.