„Ich sehe was, was Du nicht siehst“. Ich weiß nicht, auf wieviel Autofahrten ich dieses Spiel als Kind gespielt habe.

Und nicht nur dort. Immer wieder haben wir das Spiel gespielt. Endlose Warteschleifen damit überbrückt, ob im Stau oder in Arztpraxen. Es war ja immer wieder neu. Rot, war nicht gleich rot und die Augen konnten Neues entdecken. Suchten wir nicht Farben, knobelten wir Autokennzeichen, machten uns auf die Suche nach Formen und Gestalten, erfanden Geschichten. Mein Vater, als Malermeister, weckte die Liebe zur Farbe in mir und lehrte mich zu differenzieren. Denn ja, Rot ist nicht gleich Rot, und jede Farbe hat ein weites Spektrum. Meine Mutter hatte ein Gespür für Phantasie, konnte Geschichten erfinden, zeigte mir die Gesichter in Türklinken und die verborgenen Spuren in Bildern. Sie schulte meine Vorstellungskraft. Der Blumenstrauß auf dem Bild, stand ja auf einem Tisch. Doch in welchem Raum stand der Tisch? Wer kam gerade in den Raum? Welche Musik lief im Hintergrund? Da gab es viel mehr zu entdecken, als in den Rahmen des Bildes passte.

Und auch die Bilder selbst, verdienen den zweiten und dritten Blick. In den Bildern selbst gibt es immer noch was zu endecken. Auf den ersten Blick und mit einem Blick lässt sich ein Bild ja gar nicht erfassen. So werde ich wohl auch nicht müde Bilder zu betrachten. Immer wieder. In Bildern kann ich mich vertiefen. Suche Neues in ihnen. Lass mich überraschen. Auch von meinen eigenen Bildern. Und ja, ich entdecke – in den Farben und Formen. Im Auge des Betrachters kann mehr hervortreten, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Das ist ja nicht nur bei Bildern so. Betrachte ich einen Menschen, kann ich ebenfalls Neues entdecken. Nehme ich mir die Zeit für mein Gegenüber, kann bei ihm mir Überraschendes begegnen. Jeden Tag. Bekomme ich tiefere Einblicke, werden meine Augen wacher für das Wesentliche, statt für das Oberflächliche. Betrachte ich mein Gegenüber, gebe ich dem Menschen, dem Kunstwerk, Beachtung, Achtung. Und ja, schenke ich ihm Zeit, schenke ich auch Wertschätzung.

Meine eigenen Bilder zu betrachten, hat gleichermaßen mit Wertschätzung mir selbst gegenüber zu tun. Und ja, sie sind manches Mal wie ein Spiegel. Wer meine Bilder „liest“, kann in ihnen etwas von mir entdecken. Sind sie doch meinen Tagebüchern gleich. Spiegeln ein Stück meiner Seele. Sind Ausdruck meiner Persönlichkeit. Nicht immer, nicht alle – doch sie tragen meine Handschrift.

Ostern„Ich sehe was, was du nicht siehst – und das zeig ich dir“. So ging es uns in dieser Woche zu Hause. Seit Wochen war dort die Löwin in meinem Osterbild, das über unserem Sofa hängt. Seit Wochen sah ich die Löwin, wie sie über den Noten des Bildes liegt. Sanft, Ausschau haltend, erwartungsvoll. Lag ich auf dem Sofa, sah ich sie. In Gedanken zeichnete ich sie immer wieder mit dem Finger nach, so, als wolle ich sie hervorstreicheln. Jedes Mal ging ich den Konturen nach, schaute, ob die Löwin noch zu sehen war, ob sie sich verändert hatte. In mir stieg die Lust zum Stift zu greifen. Doch was ist, wenn ich mich vermale? Was, wenn ich das Bild ruiniere?

Ich kenne dieses Gefühl. Schon bei anderen meiner Bilder ging es mir so. Wochen, Monate, manchmal gehen Jahre ins Land. Das Bild hängt in meiner Wohnung, liegt in einer Mappe – und dann sehe ich mehr. Denke, da steckt noch mehr drin. Das will ich herauslassen. Herausholen. Hervorzeichnen. Aber was, wenn es nicht gelingt? Jedem Steinmetz und Holzschnitzer wird es nicht anders gehen. Sie brauchen die Vorstellung, das aus dem Stück Stein, dem Holz, etwas herauszuholen ist, zu zeigen ist. Jeder Schlag, jeder Schnitzer, kann daneben gehen...

Aber es gibt diesen Moment, da ist es einfach dran zum Stift zu greifen. Dieser Moment, wo der Mut alles wagt. Dieser Moment, in dem das Bild so in mir gereift und gewachsen ist, dass es dran ist meine Entdeckung zu teilen. Andere sollen es sehen. Und ja, dazu gehört es auch mich zu zeigen, Mut zu wagen. Einblick zu gewähren in meine Welt der Bilder. Denn sonst freue ich mich ja nur alleine an dem, was ich sehe. Und erst wo ich teile, mich zeige, gewinnt das Leben Gestalt. Wenn ich mich vermale, dann werde ich mir Zeit nehmen, Neues zu erdenken und zu entdecken, Innehalten – und sehen, was ich daraus lernen und machen kann.

So griff ich also am Montag Abend zum Stift, malte die Löwin heraus. Malte sie sichtbar. Malte sie ins Leben. Wollte sie zeigen. Andreas solle sie als erster sehen. Ob er sie entdecken würde? Nähme er die Veränderung in dem Bild wahr? - Ja, hat er! Morgens, in der Morgendämmerung. Er war überrascht, hatte eigene Assoziationen, wurde an einen Film erinnert, den ich nicht kannte, und musste sich an die Veränderung des Bildes gewöhnen. Da ist das Bild neu – und das alte vorbei. Rückgängig lässt es sich nicht machen. Gezeigt ist gezeigt. Die Zeit war reif.

Mein Osterbild hat schon viele Veränderungen erlebt, ist schon mal komplett neu übermalt worden. Nur der Rahmen ist immer geblieben, hat schon ein paar Schrammen und Umzugsspuren. Doch wie im Leben, gibt es hier noch mehr zu entdecken und zu zeigen. Herauszumalen. Was der Stift wohl noch zum Leben erweckt?