Drucken

Jeden Morgen malte er. Von Sonnenaufgang an betrachtete er die Sonnenblumen. Chromgelb leuchten sie. Eine Symphonie in Blau und Gelb erstrahlt. Mal fünf, mal zwölf, mal drei, mal fünfzehn – Bild um Bild, in Hoffnung und Vorfreude auf eine neue Zeit im neuen Atelier.

Van Gogh malte seine Bilder und eines ging um die Welt. Das Motiv ist Klein und Groß bekannt. Am Anfang meines Weges als Frau Bochmann in spe bekam ich dieses Bild geschenkt. Das Kunstwerk als Magnet. Ein Mitbringsel aus Amsterdam. Seitdem begleitet uns van Gogh von Küche zu Küche. Mehr als die Kunst und der Künstler bewegt mich die Geste der Menschen; die ihn mir schenkten. Jedes mal, wenn ich den Magnet betrachte, denke ich an sie.

Vor ein paar Wochen bekam ich Blumen geschenkt. Ein Mitbringsel vom Alltags-Einkauf. Wie lange die wohl halten werden? Van Gogh wusste, dass seine Blumen verwelken werden und so malte er – schnell, in einem Zug. In unserem Esszimmer entstand nun langsam und mit Zeit die Assoziation zu van Goghs Sonnenblumen. Die Blumen verwelkten. Schon längst scheinen sie überfällig, der Bio-Tonne geweiht. Und doch entfalten sie sich neu. Im Auge des Betrachters. In ihrer Vergänglichkeit wecken die Blumen in uns Erinnerungen, sie inspirieren uns zum Fotografieren und Malen, lassen uns Gedanken zu Papier bringen, wecken die Kreativität in uns.

Das macht mich nachdenklich. Was ist es, was uns inspiriert? Was ist es, dass die Freude in uns weckt? Das Betrachten? Das Tun? Die Zeit? Der Dialog? Von jedem etwas?

vangogh original800

Beim Betrachten unserer Sonnenblumen, die noch nicht mal Sonnenblumen sind und waren, sondern einfache Gerbera, ist mir so deutlich geworden, dass alles seine Zeit braucht. Alles braucht seine Zeit, um sich zu entfalten. Dabei liegt die Schönheit zudem mehr in dem, was wir wahrnehmen, als was wir sehen. Mehr in dem, was uns inspiriert und in uns geweckt wird, als in dem, was wir äußerlich beschreiben können.

Betrachte ich die Blumen nur mit meinen Augen, sehe ich einen vertrockneten Strauß, dessen Zeit gekommen ist, von dem ich mich verabschieden sollte. Nehme ich mir Zeit – und lasse dem Strauß seine Zeit – höre und sehe ich hin, was für Saiten in mir anklingen, welche Bilder er weckt, welche Gedanken er hervorlockt, auf welche Wege er mich weist. Und dann schmeiße ich die Blumen nicht einfach weg, weil sie nichts mehr taugen oder unansehnlich geworden sind, sondern verabschiede mich von dem, was Farbe und Freude in mein Leben gebracht hat – für eine Zeit. Und dann gehe ich dankbar weiter in dem Wissen, dass alles seine Zeit hat. Alles seine Zeit braucht. Jeden Morgen neu.

 

Geschrieben von Claudia Claudia
Veröffentlicht: 24. Mai 2020 24. Mai 2020
Zugriffe: 905 905