Meine Mutter rannte noch ins Bad und stieg auf den Klodeckel, um aus dem hohen Badezimmerfenster Ausschau nach dem Postboten zu halten, der - so die Hoffnung - ihr einen Brief bringen würde, den sie sehnsuchtsvoll erwartete.

Die Dinge haben sich geändert. Mein Klodeckel wäre nicht mehr stabil genug für diese Übung, das Fenster nicht zur Straße gewandt ... und mit der Post kommen höchsten noch Werbung und Rechnungen. Aber das Phänomen ist geblieben. In den 90er Jahren warb noch ein damals marktführender Konzern des in den Kinderschuhen steckenden Internets mit dem Satz "Sie haben Post!" und rührte damit tiefe Sehnsüchte. Selbst die E-Mail von damals gilt inzwischen als überholt ... und so schaut man alle paar Minuten auf sein Handy, ob es eine neue Nachricht gibt, die vielleicht Sehnsüchte oder doch wenigstens Neugier stillt. Wir wollen doch ja nichts verpassen. Der gleiche Klodeckel - nur moderner eben (und teurer).

Während ich heute tatsächlich damit beschäftigt bin, immer wieder unruhig zu schauen, zu warten, zu schauen ... weil ich eine wichtige Information heute, spätestens morgen erwarte, schreibt meine Frau gerade Postkarten (ja, so etwas gibt es tatsächlich noch!).  Eine an unsere jüngste Enkelin, sie kann zwar noch nicht lesen, aber freut sich am Wunder eines nicht mehr ganz so leeren Briefkastens und eine an eine liebe Freundin, die gerade in einem Krankenhaus ist und ein Zeichen der Ermutigung braucht - vielleicht mehr als ein "Ping" auf ihrem Handy.  Und so schaue ich - und warte  ich ... und schaue und warte. Hoffe auf ein gutes Signal. Und schreibe, weil ich plötzlich über mein Verhalten stolpere.

Als Christ - zumal als Adventist - verstehe ich mich auch als Wartender. Mit über 20 Millionen Menschen meiner Freikirche schaue ich und warte ich und schaue und warte. Gut so? Oder ist es nicht an der Zeit, als Wartender zu reden, zu schreiben, zu handeln, die Welt zu verändern - und sei es nur die kleine Welt meiner Enkelin oder die schmerzvolle Welt einer guten Freundin - oder die Welt der Leserinnen und Leser dieses Blogs, denen ich für heute vielleicht einen kleinen Gedankenanstoß geben kann.

 

„Wenn morgen der jüngste Tag anbricht, wollen wir gerne die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen. Vorher aber nicht.“
(Dietrich Bonhoeffer)