Ich lausche dem Gottesdienst aus dem Berliner Dom. Es waren die letzten Klänge, die Petra Jürgens wahrnahm, als sie ihren letzten Atemzug tat.

Petra Jürgens, Professorin für Musiktherapie an meiner Hochschule, mein Alter, hatte zahlreiche lebensbedrohliche Erkrankungen überlebt, geradezu wie ein „Stehaufmännchen“. Lebenselixier war ihr die Ausbildung von Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten, viele Jahre parallel in ihrem Institut in Berlin und an der Theologischen Hochschule Friedensau. Zuletzt steckt sie ihre Kraft und ihren Elan ganz in den Studiengang Musiktherapie in Friedensau. Jetzt reichte die Kraft nicht mehr. Petra musste, durfte loslassen. Sie starb am Sonntag den 18. Mai 2025, während der Übertragung des Gottesdienstes aus dem Berliner Dom.
Nach Friedensau gerufen wurde sie in den 1990er Jahren durch Wolfgang Kabus, dem damaligen Kantor und weitsichtigen Kirchenmusiker an der Hochschule. Mit viel Elan und mit ihrem ganz eigenen Profil baute sie in mehr als 25 Jahren das Fach „Musiktherapie“ auf – zunächst als Hauptfach im Magister Soziale Verhaltenswissenschaften, später als eigenständigen Master-Studiengang. Dabei konnte sie sich auf langjährige Ausbildungserfahrung an ihrem renommierten Institut für Musiktherapie in Berlin stützen. Sie prägte mit der von Christoph Schwabe beeinflussten, tiefenpsychologisch ausgerichteten Form der Musiktherapie ganze Generationen von Musiktherapeutinnen und –therapeuten, darunter auch Claudia, die ihren Abschluss in Petras Studiengang erwarb.
Persönlich verbanden mich viele Begegnungen – auf unterschiedlichen Ebenen. Die Studiengänge Musiktherapie und Counseling waren strukturell und inhaltlich miteinander verwoben, was eine enge Zusammenarbeit mit Petra Jürgens zur Folge hatte. So konnte ich an der Fachtagung „Das Timbre von Charisma und Spiritualität“ mitwirken, die sie organisiert hatte und dem Ringen um die Bedeutung der Spiritualität in der Musiktherapie Ausdruck verlieh. Aber auch in der professionellen und menschlichen Krise der Schließung ihres geliebten Berliner Instituts als Folge von mehr als fragwürdigen Machenschaften eines vertrauten Mitarbeiters, durfte ich ihr nahe sein. Und doch blieb Petra für mich immer auch ein Enigma – und das ist gut so.
Die Nachricht von ihrem Tod kam nicht unerwartet. Lange schon zeichnete sich ab, dass sie dieses Mal nicht mehr genesen würde. Die Leitung des Studienganges hatte sie an ihre Absolventin, Kollegin und Freundin Dr. Regina Lorek abgegeben Die letzten Wochen ihres Lebens verbrachte sie im Hospiz. Sie ging in Frieden.
Dass dieses Sterben am nachösterlichen Sonntag Kantate geschah, hat wohl Symbolkraft für alle, die Petra Jürgens kannten. Ein Leben für die Musik mit ihrer heilenden Kraft wurde vollendet mit Musik aus dem Berliner Dom. Ich höre den Gottesdienst im Internet nach, lausche, bin berührt, dankbar, traurig, getrost und reich gesegnet.
Foto: Theol. Hochschule Friedensau