Fachtagung Musiktherapie

Als "namhafter Referent" angekündigt zu werden, hat was ... vor allem Anspruch, der Druck macht. Denn hochkarätig ist solch eine Fachtagung allemal.  Gut, ich habe es überstanden und bin dankbar.

An meiner Hochschule wird ja das kleine Orchideen-Fach Musiktherapie unterrichtet. Nun hatte die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) für eben solche Fördergelder ausgelobt, um eben auch derartig exotische und kleine Angebote bekannt zu machen und zu unterstützen. So entwickelte die Leiterin des Studienganges - Prof. Dr. Petra Jürgens mit ihrem Team ein Konzept für eine Fachtagung, die inhaltlich nicht nur den Studiengang, sondern auch das Besondere der Hochschule herausstreichen sollte.  Heraus kam eine Fachtagung unter dem Motto  "Das Timbre von Charisma und Spiritualität in der Musiktherapie - Göttliche Gnadengaben und/oder heilige Fermaten?" mit drei großen Hauptreferaten, etlichen Workshops und viel Vernetzungsmöglichkeit.

Die drei Vorträge waren in Form und Gestaltung sehr unterschiedlich und boten je eigene Perspektiven auf das Thema. Allen gemeinsam war das Interesse an Spiritualität und wie sie in der Musiktherapie integriert werden könnte (oder eben auch nicht).

Ich selbst war eingeladen, einen Vortrag aus der Perspektive der Beratungswissenschaft (Counseling) beizusteuern und war natürlich auch als Theologe in dem Zusammenhang gefragt. So habe ich einen Vortrag erarbeitet, der zunächst mit der Feststellung Aufmerksamkeit provozierte: 

Eine Fachtagung zum Thema Spiritualität im Kontext von Musiktherapie und ähnlichen therapeutischen oder beraterischen Angeboten, ist höchst verdächtig...

Andreas Bochmann beim VortragTatsächlich war dann auch meine These, dass das Einbringen von Spiritualität in die Musiktherapie ein Kunstfehler sei. Wenig charmant auf einer Tagung, die sich just diesem Thema widmet... Aber ein historisch bedingtes Korrektiv, denn es gab und gibt durchaus viel Übergriffigkeit, wenn spirituelle Angebote mit therapeutischen synkretistisch vermischt werden, was gerade Theologen mit gesunder Skepsis zurück zu weisen hätten.

Der These folgte dann in klassisch dialektischer Manier - und zur Entlastung einiger doch recht angespannter Teilnehmer*innen - die Antithese. Es sei ein Kunstfehler, Spiritualität NICHT in Musiktherapie und Beratung einzubringen.  Hier argumentierte ich allerdings als Sozialwissenschaftler, nicht als Theologe, und zeigte auf, dass Studien immer und immer wieder einen Zusammenhang (eine Korrelation) zwischen Spiritualität und gelingendem Leben, gelingenden Partnerschaften etc. aufzeigten. Eine solche Ressource nicht zu nutzen, sondern als "Privatangelegenheit" vorzuenthalten, sei fahrlässig.

Aus These und Antithese war schließlich eine Synthese zu bilden. Hier versuchte ich, die Selbstreflexion und die Meta-Ebene als Lösungsansätze für das Paradox zu beschreiben und auch reflektierter, transparent erörterter gegenseitiger Vereinbarung für spirituelle Interventionen Raum zu bieten. Gleichwohl schloss ich quasi mit einer Coda, in der ich eingestand, dass Musik an sich ja ein höchst spirituelles Medium sei, wie ich aus eigenem Erleben wisse. Insofern - so meine Schlussfolgerung als Berater - sei Musiktherapie sicherlich noch einmal ganz anders zu betrachten...