Warum soll ich heute zum Gottesdienst? Claudia war es wichtig – das ist Grund genug.

Doch ich war einfach nur müde, niedergeschlagen. Die Woche war anstrengend, manche Träume schienen geplatzt, Enttäuschung, Trauer, Kraftanstrengungen. Vieles mischte sich. Und ich wusste, dieser Gottesdienst würde anstrengend, denn der MDR würde ihn aufzeichnen– wuselig, unruhig würde es sein, angespannt, im schlimmsten Fall ein Abarbeiten einer Show. Nein, ich wollte nicht hingehen. Ich hatte keine Aufgabe oder Funktion in dem Gottesdienst. Ich würde ihn mir viel bequemer in der ARD-Mediathek ansehen können. Wir gingen.

Nach dem Gottesdienst wurde ich von zwei sehr unterschiedlichen Menschen angesprochen. Die eine Person aus dem Chor, meinte Claudia und ich seien ihr Ankerpunkt gewesen. Die Anspannung in ihr traf auf die Gelassenheit und offensichtliche Fürbitte von uns. Sie hatte uns gesehen, auf unserem Platz, dass wir während des Gottesdienstes für den Gottesdienst beteten. Nein, sie hatte sich nicht verguckt. Genau so war es.

Die zweite Person – ebenfalls von den Musikern, bedankte sich für die Art und Weise, wie ich das Lied „Herr, hör mein Gebet“ mitgesungen hätte. Das hätte sie berührt und selbst anders singen lassen. So wurde die Liedzeile auf einmal gewichtig und nicht nur ein herunter zu leierndes Zwischenstück zwischen den Fürbitten.

Ich hatte keine Aufgabe, keine Funktion in dem Gottesdienst … oder doch?

Vor dem Gottesdienst hatte der Sendebeauftragte der evangelischen Freikirchen beim MDR Stephan Ringeis in seiner Einführung noch erklärt, wie wichtig die Gottesdienstbesucher seien. Es sei sogar im Radio hörbar und erkennbar, wenn eine Gemeinde Anteil nimmt, lebendig, freudig anbetet und singt.

Und der Verkündiger, der Kirchenhistoriker Dr. Johannes Hartlapp, wählte den Text aus Jesaja 60,1, der an der Wand des historischen Lehrgebäudes Friedensaus prangt: „Mache dich auf, werde Licht“. Seine hochaktuelle Übertragung: „Zeige Gesicht“ hat auch mich gemeint.

Ich habe heute Gesicht gezeigt - als Gottesdienstbesucher.

Leise klingt es in mir: „Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens…“, das Lied, das mich seit den 70er Jahren begleitet. Heute habe ich nicht vergebens gelebt. Gottesdienstbesuch ist mehr als Teilnahme und Teilhabe – er ist auch Teilgabe. Mein Dasein, Beten, Singen haben einen Unterschied gemacht – und sei es nur für zwei Menschen. Dafür bin ich dankbar.

 

 

Übrigens: der Gottesdienst war großartig. Musik, Kindermoment, Predigt, Zeugnis, Fürbitten alles waren eine einzige große Einladung sich aufzumachen, licht zu werden. Der Gottesdienst ist ein Jahr lang in der ARD Mediathek zu finden. Dazu auch ein paar Hintergrundinfos hier.